{"id":481,"date":"2025-01-11T19:18:49","date_gmt":"2025-01-11T19:18:49","guid":{"rendered":"https:\/\/labyrinth.leraauerbach.com\/?page_id=481"},"modified":"2025-01-20T12:43:52","modified_gmt":"2025-01-20T12:43:52","slug":"werkbeschreibung-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/labyrinth.leraauerbach.com\/?page_id=481&lang=de","title":{"rendered":"Werkbeschreibung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war mein ganzes Leben lang von Labyrinthen \u2013 sowohl realen als auch imagin\u00e4ren \u2013 fasziniert. <em>Labyrinth f\u00fcr Orchester<\/em> ist eine Erkundung der Zeit und ihrer verschiedenen Prismen, Spiegel, Gesichter und Spiele. Die G\u00e4nge des Labyrinths sind die G\u00e4nge der Zeit. Oder vielleicht nimmt die Zeit die Gestalt des Labyrinths an, dessen innere und \u00e4u\u00dfere Grenzen identisch sind und sich unendlich ausdehnen und auch wieder unendlich zusammenziehen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Form dieses Werks wurde teilweise von Mussorgskys <em>Bilder einer Ausstellung<\/em> inspiriert. Was mich bei Mussorgskys Herangehensweise am meisten \u00fcberzeugt, ist seine F\u00e4higkeit, nicht nur eine Sammlung von Bildern zu beschreiben, sondern auch die transformative Kraft der Kunst \u2013 die Art und Weise, wie sie den Beobachter ver\u00e4ndert, der sie erlebt. Mussorgsky erreichte dies, indem er eine verborgene Reihe von Variationen schuf \u2013 die <em>Promenaden<\/em> \u2013 die eine Person darstellen, die durch die Galerie wandert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4hnlich erschien in meinem <em>Labyrinth<\/em> der <em>Traumwanderer<\/em>. Ich wei\u00df nicht, woher er kam. Ich fragte, doch seine Antworten blieben mir ein R\u00e4tsel. Vielleicht ist der <em>Traumwanderer<\/em> mein eigener Doppelg\u00e4nger oder mein Schatten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass dieser Gestaltwandler zum Doppel jedes Zuh\u00f6rers wird, der den Konzertsaal betritt und sich unerwartet im Bestiarium dieses Labyrinths wiederfindet. Zusammen mit dem <em>Traumwanderer<\/em> entdecken wir verschiedene G\u00e4nge, verirren uns und erkennen manchmal in den seltsamen und bisweilen verst\u00f6renden Gestalten der imagin\u00e4ren Wesen, denen der <em>Traumwanderer<\/em> begegnet, die Reflexionen unserer eigenen Erinnerungen, \u00c4ngste und Tr\u00e4ume. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Labyrinth k\u00f6nnte als menschliches Gehirn gesehen werden. Die Kreaturen m\u00f6gen Metaphern f\u00fcr unsere \u00c4ngste, Leidenschaften, Obsessionen und Hoffnungen sein&#8230; Doch um den Ausgang zu finden (und nicht von diesen inneren Bestien verzehrt zu werden), muss der Wanderer seine eigenen Spiegelbilder akzeptieren \u2013 selbst die groteskesten Z\u00fcge. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist der <em>Traumwanderer<\/em> innerhalb des Labyrinths, oder ist das Labyrinth innerhalb von ihm? Steht die Zeit still, w\u00e4hrend wir nach unserem Weg suchen, oder besteht das Labyrinth aus demselben Stoff wie die Zeit selbst? Ist das Voranschreiten des Wanderers durch die G\u00e4nge des Labyrinths nur eine Illusion? Was vergeht \u2013 wir oder die Zeit? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl dieses spezielle <em>Labyrinth<\/em> mit seinem <em>Traumwanderer<\/em> meine eigene Sch\u00f6pfung ist, finden sich die Wesen, denen der Wanderer begegnet, auch in&nbsp; der Anthologie von Jorge Luis Borges, Das Buch der imagin\u00e4ren Wesen, die weitgehend auf Mythen verschiedener Kulturen basiert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammen mit dem <em>Traumwanderer<\/em> begegnen wir dem unsichtbaren <strong>A Bao A Qu<\/strong>, der seit Anbeginn der Zeit auf der Wendeltreppe des Turms von Chitor lebt. Dieser Turm ist f\u00fcr seine vollkommenste Aussicht der Welt bekannt \u2013 eine Perfektion, die, wie jede Perfektion, nie erreicht werden kann. &nbsp;<br><br>Wir vernehmen den Ruf des mystischen <strong>Simurgh<\/strong> \u2013 jenes unsterblichen Vogels, der im Baum der Erkenntnis nistet. Nach einer langen und m\u00fchsamen Pilgerreise erkennen die anderen V\u00f6gel, dass auch sie der Simurgh sind \u2013 dass der Simurgh jeder Einzelne ist und zugleich alle. Vielleicht hallt sein Ruf auch in uns wider?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend wir nach unserem Weg suchen, weben die drei alten <strong>Nornen<\/strong> \u2013 Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft \u2013 den Faden unseres Lebens. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir begegnen der magischen Fesselung des gigantischen Wolfs <strong>Fenrir<\/strong>, der durch die st\u00e4rkste und zugleich leichteste Kette gebunden ist \u2013 eine Schnur, gewoben aus sechs imagin\u00e4ren Dingen. (Nat\u00fcrlich bricht Fenrir schlie\u00dflich aus.) &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sehen die <strong>Kilkenny-Katzen<\/strong>, die sich in einem rasenden Streit gegenseitig verschlingen, sodass nichts als ihre Schw\u00e4nze \u00fcbrig bleibt. Der traurige Squonk trauert \u00fcber ihr Ende und l\u00f6st sich in Tr\u00e4nen auf. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir erleben das Entsetzen des <em>Traumwanderers<\/em>, der sich zunehmend in den Spiegeln, Sackgassen und Umwegen des Labyrinths verliert. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und nat\u00fcrlich \u2013 was w\u00e4re ein Labyrinth ohne seinen <strong>Minotaurus<\/strong>? Ich erinnere mich, wie ich als Kind griechische Mythen las und mich fragte: Was tat der Minotaurus den ganzen Tag lang, sitzend im Zentrum des Labyrinths, in einem unver\u00e4nderlichen Raum, umgeben von denselben unausweichlichen W\u00e4nden? Ich stellte mir vor, dass er sich f\u00fcrchterlich langweilte, einsam war und schlecht ern\u00e4hrt wurde. Schlie\u00dflich musste das arme Wesen mit einer ungesunden Di\u00e4t aus nur sieben J\u00fcnglingen und sieben Jungfrauen pro Jahr \u00fcberleben. Immer hungrig, einsam, halb wahnsinnig&#8230; Ich stellte mir vor, wie er aus Langeweile und Einsamkeit gelegentlich mit sich selbst tanzte, vielleicht in Gedanken an eine appetitliche Jungfrau. Wie Ovid schrieb: &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Der Mann halb Stier, der Stier halb Mann\u2014&nbsp;<br>nicht einfach ein Monster, sondern ein trauriges, ungeliebtes&nbsp;<br>und irgendwie komisches Gesch\u00f6pf&nbsp;<br>im Herzen eines Labyrinths,&nbsp;<br>das er niemals verlassen kann.\u201d<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oben bereitet der geheimnisvolle <strong>Mondhase<\/strong> einen magischen Lebenselixier zu, w\u00e4hrend die Gelehrten versuchen, den <strong>Golem<\/strong> zu erschaffen \u2013 ein lebendiges Wesen, geformt aus verschiedenen Kombinationen der unaussprechlichen Namens Gottes. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und unter allem ruht der gewaltige <strong>Bahamut<\/strong> \u2013 ein Fisch, der in einem bodenlosen Meer treibt. Auf Bahamut liegt ein Rubinberg, auf dem Berg ein Engel, \u00fcber dem Engel sechs H\u00f6llen, \u00fcber diesen H\u00f6llen die Erde, und \u00fcber der Erde sieben Himmel. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Labyrinth verwandelt sich in <strong>Die Bibliothek von Babel<\/strong> \u2013 ein unendliches Archiv, das jedes jemals geschriebene Buch enth\u00e4lt. In seinen endlosen Korridoren liegen sowohl Erleuchtung als auch Verzweiflung, denn w\u00e4hrend jede Wahrheit vorhanden ist, existiert ebenso jede L\u00fcge. Es spiegelt die grenzenlose Natur des Universums wider \u2013 sch\u00f6n, chaotisch und unergr\u00fcndlich. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe <em>Labyrinth<\/em> erschaffen, um eine Form zu finden, in der die Beziehung und Dynamik zwischen dem Beobachter und dem Objekt der Beobachtung erforscht werden kann. Oder vielleicht, um einen Raum zu schaffen, in dem der innere Dialog zwischen dem Selbst und dem Gehirn (in Form eines Labyrinths!) vorgestellt werden kann. Manchmal denke ich, dass ich selbst eine imagin\u00e4re Gestalt bin. Vielleicht ist es der <em>Traumwanderer<\/em>, der diese Musik komponierte, und ich bin derjenige, der sich f\u00fcr immer in ihrem Labyrinth verirrt hat, ohne es zu merken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Faden f\u00fchrt mich zur\u00fcck zum Anfang, zu einem Gedicht, das ich mit 14 Jahren schrieb, betitelt \u201cLabyrinth\u201d. Ich schrieb es auf Russisch. Deutsche \u00dcbersetzung von Ilona Oltuski: &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Im Labyrinth der Worte und Kl\u00e4nge,&nbsp;<br>Suche ich nach dem R\u00e4tsel des Lebens.<br>Ob ich es finden werde \u2013 ich wei\u00df es nicht,<br>Aber ich spiele auf den Saiten der Seele,&nbsp;<br>Und durch das Teilen dieser Musik finde ich Gl\u00fcckseligkeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2014 Lera Auerbach<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war mein ganzes Leben lang von Labyrinthen \u2013 sowohl realen als auch imagin\u00e4ren \u2013 fasziniert. 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